Jeder kann es zurzeit leidvoll erfahren: der nächste Tankstopp wird teuer. Fast täglich gibt es neue, höhere Preise an den Tankstellen. Doch was sind die Ursachen und welche Auswirkungen haben die steigenden Preise auf die Konjunktur? Sind es mal wieder die Ölmultis, die uns gnadenlos abzocken wollen?
Dieses Mal scheinen es weniger die Ölmultis zu sein, als vielmehr die politische Lage im Nahen Osten und vor allem der Konflikt mit dem Iran. Insbesondere wird befürchtet, dass die Straße von Hormus zeitweise gesperrt werden könnte. Rund 20 % des weltweiten Bedarfs würde die Abnehmer nicht mehr erreichen.
Zunächst zu den Fakten. Der Rohölpreis beträgt für die Sorte Brent derzeit gut 126 US-Dollar je Barrel. Zur Erinnerung: bis zur ersten Ölkrise in den Siebzigerjahren betrug der Ölpreis rund 3 US-Dollar je Barrel. In den beiden Ölkrisen in den Siebziger- und Achtzigerjahren stieg der Preis dann zunächst auf fast 10 Dollar später dann sogar auf rund 40 Dollar. Die Folgen waren eine Rezession in Deutschland begleitet durch steigende Inflationsraten.
Wie ist vor dieser Erfahrung die heutige Situation zu werten?
Wenden wir uns erst einmal dem aktuellen Ölpreis zu. Wenn wir diesen um die Inflationsraten bereinigen, so zeigt sich, dass er real nicht wesentlich höher ist als zu Beginn der Achtzigerjahre. Von daher also eher eine Entwarnung.
Die nächste Komponente, ist die politische Lage am Golf und die Gefahr einer Sperrung der Straße von Hormus im Falle eines bewaffneten Konflikts mit dem Iran. Ein Ausfall von 20% des Verbrauchs hätte ganz sicher dramatische Folgen für den Ölpreis. Einige Analysten gehen für einen solchen Fall von einem Anstieg des Ölpreises auf 230 Dollar aus. Allerdings ist kaum zu erwarten, dass dies länger als sechs bis sieben Wochen gelingen würde und so lange halten in etwa die strategischen Ölreserven der Industrieländer.
Zu einer Gesamtbeurteilung über die Auswirkung einer Preissteigerung (hier Ölpreis) fehlt noch die wichtige Komponente der wirtschaftlichen Ursachen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren kam die Preissteigerung dadurch zustande, dass die OPEC die Förderung drosselte und damit eine künstliche Angebotsverknappung auslöste. Die Folgen sind bekannt (s.o.). Die Preissteigerungen in den 2000er Jahren waren zumindest bis 2008 durch eine stark gestiegene Nachfrage aus den Schwellenländern verursacht. Die höheren Wachstumsraten dieser Länder, mit ihren positiven Effekten auf die Konjunktur kompensierten zumindest teilweise die negativen Effekte des höheren Ölpreises.
Ursache der letzten Preiserhöhungen sind allerdings weniger eine weltweite Nachfragesteigerung als vielmehr die Befürchtung einer Angebotsverknappung. Damit bergen die aktuellen Ölpreissteigerungen nach meiner Meinung durchaus konjunkturelle Risiken.
Steigende Ölpreise verteuern die Transporte der Güter unmittelbar ebenso wie die Produkte, deren Rohstoffe aus Erdöl bestehen. Daneben steigen die Energiepreise. Die Produzenten werden versuchen die Kostensteigerungen an die Abnehmer in Form höherer Preise weiter zu geben. Steigende Lebenshaltungskosten erhöhen den Druck auf die Gewerkschaften für ihre Mitglieder Kompensation durch höhere Löhne zu erhalten. Bedenkt man an dieser Stelle noch, dass durch die Lohnzurückhaltung in Deutschland seit etwa Beginn des Jahrtausends die Reallöhne eher gesunken sind und daher selbst von konservativen Politikern endlich ein gerechter Ausgleich gefordert wird, so wird klar, wie groß der Druck wird. Eine Lohn-Preis-Spirale wäre in vollem Gange. Hinzu kommt die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die dafür sorgt, dass mehr als genug Geld im Umlauf ist.
Wie sind die Auswirkungen auf einzelne Unternehmen und die Sicherheit der dort befindlichen Arbeitsplätze zu werten? Gerade in Krisensituationen zeigt sich, dass diejenigen die besten Bedingungen haben, die zukunftsfähige Produkte zu marktgerechten Preisen anbieten können. Voraussetzungen dafür sind: innovative Ideen, fähiges gut geschultes und eingearbeitetes Personal sowie die Fähigkeit die Kostensituation umfassend im Griff zu haben.
Rudolf Enders
Diplom-Volkswirt
Rudolf Enders ist unser Chefvolkswirt und als Projektleiter tätig.
